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Mit Blaulicht zu Höchstleitungen

Mit Blaulicht zu Höchstleitungen

Wie man mit Blaulicht die innere Uhr des Menschen beeinflussen kann, um die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit zu erhöhen, erforscht das  Projekt "ChronoBlue", das im vergangenen Jahr eine Förderung der Peter Beate Heller-Stiftung erhielt. Fünf Fragen an den Projektleiter, den Sport- und Gesundheitswissenschaftler Dr. Adrian Markov.
 

23. Juli 2026

Herr Dr. Markov, Sie sind Hauptverantwortlicher im Projekt "ChronoBlue", das im Jahr 2025 eine Förderung durch die Peter Beate Heller-Stiftung erhielt. Wofür steht das Akronym?

Das Forschungsvorhaben "ChronoBlue – Licht, Leistung, Lebensqualität" steht zum einen für die innere Uhr ("chrono"), zum anderen für Blaulicht ("blue"). Wir haben alle eine "innere Uhr", die unseren Biorhythmus steuert. Wenn wir uns entgegen diesem natürlichen Rhythmus verhalten, zum Beispiel weil wir eigentlich Spätaufsteher sind, aber für einen Termin um 5 Uhr morgens der Wecker klingelt, dann merken wir das durch Müdigkeit und fehlende körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Ob wir unser individuelles Leistungsmaximum früh ("Lerche") oder spät ("Eule") haben, ist größtenteils genetisch bedingt. Interessanterweise wird aber diese innere Uhr durch externe Stimuli mit dem Tagesrhythmus synchronisiert. Der stärkste äußere Zeitgeber dieses circadianen Rhythmus ist Licht. Insbesondere kurzwelliges blaues Licht ist ein extrem wirksamer Faktor, um eine "verschobene" innere Uhr durch Simulation natürlicher Lichtverhältnisse an die jeweiligen Gegebenheiten anzupassen.
 

Was genau untersuchen Sie in Ihrem Projekt?

Wir untersuchen, wie gezielt eingesetztes Blaulicht die innere Uhr des Menschen beeinflussen kann, um körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit, Wohlbefinden und Regeneration nachhaltig im Tagesverlauf zu optimieren. Dazu erheben wir in Kooperation mit dem Deutschen Schwimm-Verband (DSV) vergleichend verschiedene physiologische und kognitive Kennzahlen bei Schwimmerinnen und Schwimmern mit oder ohne Intervention durch Blaulicht, denn diese Zielgruppe weist eine gut messbare, recht stabile Leistung auf. Anders gesagt: manche der Athletinnen und Athleten absolvieren ein Trainingsprogramm, nachdem sie zu bestimmten Uhrzeiten in chronobiologisch sensiblen Zeitfenstern (zum Beispiel während der Morgen- und Abenddämmerung) eine Blaulichtbrille aufgesetzt haben. Andere absolvieren ihr ganz normales Programm als Kontrollgruppe. Durch den Vergleich von Parametern wie Chronotyp, Schlafqualität, physiologischen Stressmarkern, Körperkerntemperatur und sportlicher Leistung können wir quantifizieren, welchen Effekt genau Blaulicht auf die Leistungsfähigkeit hat. Vor allem aber auch, in welchen Phasen des persönlichen Biorhythmus der Stimulus optimal oder gar kontraproduktiv wirkt. In der Folge können wir Empfehlungen entwickeln, ob Blaulichtbrillen ein wirksames Instrument darstellen, um die Phasenlage der inneren Uhr gezielt zum Beispiel im Einklang mit der vorgegebenen Startzeit in einem Wettkampf zu verschieben und dadurch die Leistungsfähigkeit positiv zu beeinflussen.

Im Leistungssport können bereits geringe Unterschiede in der körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeit wettkampfrelevant sein, wodurch Einflussfaktoren wie Tageszeit, individueller Chronotyp und (social) Jetlag besondere Bedeutung gewinnen. Zugleich zeigt sich hier besonders deutlich, wie Tageszeit, Chronotyp und Reisen über Zeitzonen hinweg die körperliche und kognitive Leistung beeinflussen. Ziel ist es daher, das individuelle Leistungsmaximum zeitlich auf die Anforderungen in Training und Wettkampf abzustimmen, damit Leistungspotenziale zum relevanten Zeitpunkt bestmöglich abrufbar sind.

Logo der Arbeitsgruppe "ChronoBlue"

Welchen Nutzen hat das für Menschen, die keinen Leistungssport betreiben?

Unserem Körper ist das circadiane System evolutionär eingeschrieben. In einer modernen 24/7-Gesellschaft werden natürliche Tag-Nacht-Rhythmen aber zunehmend beeinflusst: durch Kunstlicht in Gebäuden oder während der Nacht, aber auch durch Schichtdienste oder soziale Anforderungen. Sogenannter "Social Jetlag" – also eine Verschiebung zwischen genetisch verankerter innerer Zeitstruktur und sozial vorgegebenem Zeitplan – ist weit verbreitet und mit erhöhten Risiken für Krebs-, Stoffwechsel-, Herz-Kreislauf- sowie psychische Erkrankungen verbunden. Auch bei älteren Menschen gerät die innere Uhr durch Alterungsprozesse zunehmend aus dem Takt. Schlafstörungen sind häufige Folgen. Ziel des Forschungsvorhabens ist es deshalb, dieser Beeinträchtigung von chronobiologischen Prozessen gezielt gegenzusteuern. So sollen Gesundheit und Leistungsfähigkeit in Alltag und Beruf besser mit der Tageszeit und dem individuellen Chronotyp in Einklang gebracht werden. Geplant sind Chronotyp-spezifische Empfehlungen zu optimalen Zeitfenstern der Blaulichtexposition, Leitlinien zur Integration von Licht als gesundheitsförderndem Gestaltungsfaktor in therapeutischen Landschaften sowie praxisnahe Hinweise zur Reduktion von "Social Jetlag" im Alltag.
 

Wie funktioniert das auf wissenschaftlicher Ebene?

Blaulicht als äußerer Zeitgeber wirkt über Zellen in der Netzhaut des Auges, sogenannte Melanopsin-haltige retinale Ganglienzellen auf ein Kerngebiet im Hypothalamus im Gehirn, dem Nucleus suprachiasmaticus. Als zentrales Taktzentrum unserer inneren Uhr koordiniert der Nucleus suprachiasmaticus über neuronale und hormonelle Botenstoffe unter anderem den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Hormonfreisetzung, die Körpertemperatur und die tageszeitabhängige Leistungsfähigkeit.
 

Wenn wir alle unterschiedliche Chronotypen haben, klingt das ganz schön ambitioniert.

Das stimmt – aber machbar. Den eigenen Chronotyp kann man relativ leicht durch Selbstbeobachtung, Fragebögen oder etwas komplizierter durch molekulare Marker im Labor bestimmen. Und wenn wir wissen, wo und wie die kritischen Zeitfenster wirken, können wir gezielt intervenieren. Wir verstehen Blaulicht als steuerbares Element einer "therapeutischen Landschaft", das natürliche Lichtbedingungen dort simulieren kann, wo der Zugang zu Natur und Tageslicht begrenzt ist. Blaulichtbrillen passen in jede Tasche, man kann aber auch Tageslichtlampen einsetzen oder Filter, die blaues Licht zur falschen Tageszeit ausblenden, denn auch das ist ein wichtiger Faktor. Während andere geförderte Vorhaben ortsbezogene Gesundheitsindikatoren kartieren, untersucht ChronoBlue die zeitliche Dimension gesundheitsförderlicher Lichtumgebungen – also die Frage, wann welches Licht gesundheitsförderlich ist – und macht diese Erkenntnisse für den Alltag nutzbar. Die Vision des Projekts ist eine Art "Lichtkompass" für die innere Uhr, der künftig vielen Menschen helfen soll, ihre Lichtumgebung besser auf Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit abzustimmen.

 

DAS FORSCHUNGSTEAM

Prof. Dr. Sportwiss. Thimo Wiewelhove ist Professor für Trainingswissenschaft an der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf und leitet dort den Masterstudiengang "Trainingswissenschaft und Sporternährung". Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Regenerationsmanagement sowie in der Leistungssteuerung im Spitzensport. Hierzu hat er umfangreiche experimentelle Arbeiten durchgeführt und sich 2023 an der Ruhr-Universität Bochum mit einer kumulativen Habilitation zum Thema „Regenerationsinterventionen und deren Wirksamkeit im Sport“ habilitiert. Als langjähriger Trainingswissenschaftler, DOSB-A-Trainer Tennis und Mitglied im Sprecherrat der Sektion Trainingswissenschaft der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft verbindet er angewandte Sportwissenschaft mit praxisnaher Betreuung von Studentinnen und Studenten sowie Athletinnen und Athleten. Im Projekt ChronoBlue verantwortet er die Gesamtsupervision, die trainingswissenschaftliche Qualitätssicherung sowie die Translation der Studienergebnisse in anwendungsorientierte Leitlinien für den Leistungssport und die Allgemeinbevölkerung.

Dr. phil. Adrian Markov ist promovierter Sportwissenschaftler mit Schwerpunkt Leistungsphysiologie, der wissenschaftliche Expertise mit langjähriger Erfahrung im Hochleistungssport verbindet. Nach Stationen in Cambridge und an der Liverpool John Moores University – einem international renommierten Zentrum für Chronobiologie und Umweltphysiologie – promovierte er an der Universität Potsdam über die Regulation des Immunsystems im Kontext körperlicher Belastung. Als Postdoktorand an der Université de Caen Normandie forschte er zu extremen Ausdauerbelastungen, Thermoregulation und circadianen Rhythmen und arbeitet aktuell mit internationalen Partnern aus verschiedenen Ländern zusammen. Im Projekt ChronoBlue koordiniert er als Projektleiter das Gesamtvorhaben. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit verfügt Adrian Markov über langjährige praktische Erfahrung als Trainer und Trainingswissenschaftler im Hochleistungssport und hat Athletinnen und Athleten über mehrere Olympiazyklen hinweg betreut. Als ehemaliger erfolgreicher Judoka und langjähriges Mitglied einer Nationalmannschaft kennt er die Anforderungen des Spitzensports aus eigener Anschauung und verbindet evidenzbasierte Trainingssteuerung mit einem tiefen Verständnis für den Alltag im Leistungssport.

Prof. em. Dr. rer. nat. Jörg H. Stehle ist promovierter Biologe, habilitierter Anatom und Neurowissenschaftler. Er leitete von 2004 bis 2020 das Institut für Anatomie III am Fachbereich Medizin der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Mit seiner Arbeitsgruppe erlangte er internationale Reputation auf dem Gebiet der Chronobiologie. Jörg Stehle ist darüber hinaus seit seiner Jugend als Leistungssportler aktiv, war Zehnkämpfer, Basketballer, Rennradsportler und ist bis heute erfolgreicher Duathlet/Triathlet. Jörg Stehle ist vor Allem verantwortlich für die Erstellung der (social) Jetlag-Anpassungspläne für Athleten/Innen vor täglichen sportlichen Herausforderungen und nach Flügen über mehrere Zeitzonen.

Mehr Info auf Sports-Jetlag

Maria Oertel (B.Sc.) studierte Sportwissenschaften und befindet sich derzeit in der Abschlussphase ihres Masterstudiums "Trainingswissenschaft und Sporternährung" an der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf. Ihre fachlichen Interessen liegen in der trainingswissenschaftlichen Forschung sowie in der Analyse von Belastungs-, Leistungs- und Anpassungsprozessen im sportlichen Kontext. Erste Forschungserfahrungen sammelte sie als wissenschaftliche Hilfskraft im Arbeitsbereich "Integrative & Experimental Exercise Science & Training" am Institut für Sportwissenschaft der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Ergänzend bringt sie eigene Erfahrungen aus dem Leistungssport mit, unter anderem durch Teilnahmen an Europa- und Weltmeisterschaften im Ballett. Im Projekt ChronoBlue wird sie insbesondere die Datenerhebung und das Datenmanagement unterstützen und das Projekt perspektivisch im Rahmen einer Promotion wissenschaftlich begleiten.

Hanna Bolling (B.Sc.) absolviert aktuell neben ihrer Tätigkeit als Sportphysiotherapeutin ihr Master-Studium "Trainingswissenschaft und Sporternährung M.A." an der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf. Schon während ihres Bachelor-Studiums durfte sie u.a. durch die studentische Mitarbeit in verschiedenen sportmedizinischen und trainingstherapeutischen Einrichtungen (u.a. Kooperationspraxen des BVDK) wertvolle Einblicke in die medizinische Betreuung im ambitionierten Breiten- und Leistungssport gewinnen. Mit ihrem Bachelorabschluss hat sie sich auf die Konzeptionierung und Umsetzung von Return-to-Competiton-Protokollen fokussiert, welche nun neben der Verletzungsprävention und Leistungsoptimierung im Athletiktraining den Hauptbestandteil ihrer praktischen Tätigkeit ausmachen. Im ChronoBlue-Projekt wird sie im Rahmen ihrer Master-Thesis mitwirken.